Kursbestimmung bei der Linken

Dieser Programmentwurf kam zur richtigen Zeit, um der Partei DIE LINKE Argumente und Rückenwind gegen den Verlust von Glaubwürdigkeit und Profil sowie gegen den Niedergang der Partei infolge von Fehlsteuerung durch Realpolitiker und Karrieristen zu schenken.

Unter http://die-linke.de/programm/programmentwurf/
finden sich neben dem Entwurfstext auch Audio-Statements von Lothar Bisky und Oskar Lafontaine aus der Pressekonferenz. Weiterhin unter „Wortmeldungen“ ein sehr guten Kommentar von Thies Gleis in der Jungen Welt sowie einen Versuch der Relativierung vom Realo Jan Korte in der TAZ. Hier zeigen sich die politische Konfliktlinie der Partei. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie die taz zum Sprachrohr des Regierungsflügels wird.

Aber es gibt in der Vorlage auch Unschärfen:
„Wir wollen die Wiedereinführung von poliklinischen Strukturen, also ambulante Behandlungszentren mit angestellten Fachärzten verschiedener Fachrichtungen. Das würde zu vielen Vorteilen sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für Ärztinnen und Ärzte führen und zu einem vernünftigen Umgang mit Ressourcen beitragen.“
Hier müsste präzisiert werden, denn die Frage, in wessen Besitz diese Polikliniken sind, bleibt unbeantwortet. Ein Betrieb von Polikliniken unter der Regie von privaten Klinikkonzernen (von einem bekannten Kandidaten für den Landessprecher der bayerischen Linken vertreten) würde ich als Rückschritt empfinden und hier genossenschaftliche Modelle oder den Betrieb durch öffentliche Träger klar bevorzugen, sonst macht sich DIE LINKE zum Privatisierungsmotor des Gesundheitswesens.

Anderes ist ausbaufähig:
„Tarifverträge müssen leichter als bisher für allgemeinverbindlich erklärt werden können.“ Diesem Punkt kommt sicher mehr Bedeutung zu, als hier formuliert. Zwei Dinge werden entscheidend sein in der Frage, ob die deutsche Lohnpolitik weiterhin Hungerlöhne und Armut produziert, andere europäische Länder in die Defizitkrise treibt und die Währungsunion destabilisiert: erstens die Einführung eines allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns, zweitens muss die weit überwiegende Anzahl der Tarifverträge per Gesetz für allgemeinverbindlich erklärt werden.

Bei den unerlässlichen Forderungen zum Rückbau des Finanzmarktkapitalismus und der privaten Banken wurden leider die pirvaten Versicherungskonzerne vergessen. Auch hier sollte ein Rück- und Umbau stattfinden. Risiken wie Berufsunfähigkeit, Todesfall oder Haftpflicht sollten ebenso wie Arbeitslosigkeit, Altersvorsorge und Krankenversicherung als Teil der öffentlichen Daseinsfürsorge verstanden werden und damit entsprechend Teil einer gesetzlichen Versicherung werden. Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, dass Versicherungen gern Prämien kassieren, aber in Fall der Leistung jahrelange teure Prozesse anstrengen, um Ansprüche abzuweisen oder sie ihre Vertragsklauseln gleich so formulieren, dass der Leistungsfall nahezu ausgeschlossen wird. Diesem großflächig angelegtem Betrug am Bürger sollte entsprechend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Der Verbraucherschutz wird als Instrument des Klassenkampfes – so albern es sich im Moment anhört – unterschätzt. Eine entsprechende Würdigung sollte sich als dankbarer strategischer Zug erweisen.

„Der Rechtsstaat muss sozial werden. Heute ist die Bedingung einer lebendigen Demokratie, dass Gleichheit vor dem Gesetz gesichert ist, materiell nicht erfüllt. Ein Gerichtsverfahren über einen höheren Streitwert kann sich nur leisten, wer über die nötigen finanziellen Mittel verfügt. Dies muss korrigiert werden, damit alle Menschen vor Gericht gleichgestellt sind.“
Ein richtiger Aspekt, der aber die Möglichkeit verschenkt, darauf hinzuweisen, dass gerade im Zusammenhang mit der Finanzkrise Untreue und Betrug durch Banken und deren Manager/Finanzberater nicht wirksam verfolgt werden und somit vielfach ohne juristische Konsequenzen bleiben.

„DIE LINKE strebt nur dann eine Regierungsbeteiligung an, wenn wir hierdurch eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen erreichen können. Sie wird sich an keiner Regierung beteiligen, die Privatisierungen vornimmt, Sozial- oder Arbeitsplatzabbau betreibt.“
Das ist die Quintessenz an der sich die Politik linker Politikerinnen und Politiker faktisch messen lassen muss. Und es wundert nicht, dass gerade diese Kernsätze linker Identität und linken Profils schon unter Feuer unserer Realpolitiker stehen.
taz.de 21.3.2010: „Der Chef der Linkspartei in Thüringen, Bodo Ramelow, hält diese rote Linie für unbrauchbar. Personalabbau, sagte Ramelow der taz, dürfe kein K.o.-Kriterium für die linken Regierungsbeteiligungen sein. So sei beispielsweise in Thüringen dringend „eine Verwaltungsreform mit massiven Umstrukturierungen und Personalabbau per Verrentung nötig“. Das Programm muss „da anders formuliert“ werden. Auch die Passagen zum Bankenwesen hält Ramelow für überarbeitungsbedürftig. „Dass Zockerbanken, die Staatshilfe kassieren, verstaatlicht werden, ist richtig“, sagte Ramelow. Aber gleich alle Privatbanken abzuschaffen, sei keine gute Idee.“ Keine Frage, dass solche Statements dem Spiegel willkommen sind.

Zwar gehört die Geschichte der Sozialdemokratie zur Geschichte der Linken, aber in der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus braucht Deutschland keine zwei Parteien, die für sich in Anspruch nehmen, sozialdemokratisch zu sein.

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Griechen unter Kürzungsschock zeigen den Kollegen in der EU, wie es geht

Vielen Dank der Übersetzerin Dagmar Henn

Quelle Artikel 1

Massenstreiks in Griechenland als Anwort auf neue Maßnahmen

04.03.10, von Taxipali

In Griechenland entwickeln sich nach einer Vorwarnung von nur wenigen Stunden Massenstreiks, nachdem die Regierung neue aggresive Maßnahmen gegen die Arbeiter angekündigt hat.

Die Ankündigungen der neuen, von der EU diktierten Sparmaßnahmen durch die Regierung haben den vom griechischen Premierminister angesprochenen „Kriegszustand“ konkretisiert. Die neuen Maßnahmen beinhalten einen Abzug von 30 % bei den 13. und 14. Monatsgehältern der Beschäftigten im öffenlichen Dienst wie auch einen Abzug in Höhe von 12 % von allen Zusatzleistungen, was in Wirklichkeit eine Summe ergibt, die mehr als ein Zwölftel des Jahreseinkommens beträgt. Zusätzlich hat die Regierung neue Steuern auf Alkohol und Zigaretten verkündet, wie auch eine Erhöhung der allgemeinen Mehrwertsteuer auf 21%, die von kleinen Unternehmen und Ladeninhabern als zerstörerisch angesehen wird. Nicht eine Maßnahme richtet sich aber gegen die Konzerne der Bau-, Bank-, Presse- und Schiffswirtschaft, die das Land plagen.

Die Antwort auf die Maßnahmen erfolgte unmittelbar und scharf:

Nur Stunden nach der Verkündung der neuen Maßnahmen griffen entlassene Beschäftigte der Olympic Airways Polizeieinheiten an, die die staatliche Finanzverwaltung bewachten, und haben das Gebäude besetzt; sie nennen die Besetzung unbegrenzt. Diese Aktion hat die Hauptgeschäftsstraße Athens, Panepistimiou, für Stunden stillgelegt.

Am Donnerstag morgen besetzten Arbeiter der kommunistischen Gewerkschaft PAME das Finanzministerium am Syntagma-Platz (das weiter besetzt ist) wie auch die Bezirksregierung in der Stadt Trikala. Später besetzte die PAME auch vier Fernsehstationen in der Stadt Patras wie die staatliche Fernsehstation in Salonica, und zwang die Nachrichtenredaktionen, eine DVD gegen die staatlichen Maßnahmen abzuspielen.

Am Donnerstag abend zogen zwei Demonstrationen durch die Straßen von Athen. Zu der ersten hatte PAME aufgerufen, zu der zweiten OLME, die Lehrergewerkschaft, unterstützt von ADEDY. Bei der zweiten fanden sich etwa 10.000 Teilnehmer, obwohl sie weniger als 24 Stunden angekündigt war, und während ihres Zuges kam es zu begrenzten Auseinandersetzungen mit der Bereitschaftspolizei (Anm.d.Übs.: hier steht „riot police“, also Aufstandspolizei), die vor dem Gebäude der EU-Kommission mit Steinen beworfen wurde. Auch in Salonica fanden zur selben Zeit zwei Demonstrationen statt. Eine weitere Demonstration gab es in der Stadt Lamia.

Schließlich wurden die Büros der PASOK (Anm.d.Ü.: die sozialdemokratische Regierungspartei) zerstört; es wird davon ausgegangen, durch Menschen, die über die Maßnahmen empört waren.

Am Freitag:

ADEDY und GSEE (Gewerkschaftsverbände des öffentlichen und privaten Sektors) haben einen vierstündigen Generalstreik für morgen ausgerufen und eine zentrale Demonstration vor dem Parlamentsgebäude am Mittag. Die zwei großen Gewerkschaften deuten einen Generalstreik für den 11.März an.

PAME hat in allen Sektoren einen 24stündigen Streik für Freitag erklärt.

Alle Busse, Trambahnen, die Metro, die Zugverbindungen wie auch die meisten Flüge von Aegean und Olympic Airways außer einigen Sicherheitsflügen werden angehalten, weil die Arbeiter der Massentransportunternehmen einen 24stündigen Streik erklärt haben. Der Streik wird das Land lahmlegen.

Alle Schulen bleiben geschlossen, da die Lehrer einen 24stündigen Streik erklärt haben.

Alle öffentlichen Fernseh- und Radiostationen, wie auch die Athener Presseagentur, alle städtischen Radiostationen und das Presseministerium haben einen 24stündigen Streik erklärt und zu einer Demonstration vor dem Gebäude der Journalistenunion in Athen aufgerufen.

Alle Krankenhäuser des Landes werden nur Notfälle behandeln; die Ärzte befinden sich ebenfalls im 24stündigen Ausstand.

In Salonica wird am Freitag morgen eine Rentnerdemonstration stattfinden.

Studenten halten Versammlungen in ihren Unterrichtsgebäuden ab, um über ihre Teilnahme an den Auseinandersetzungen zu entscheiden; dabei wurden schon viele Schulen besetzt und haben beschlossen, sich an der Bewegung zu beteiligen.

Es ist ein Zeichen des Klimas der öffentlichen Wut, dass selbst Polizisten für den 11.März eine Demonstration vor dem Hauptquartier der Athener Polizei angekündigt haben.

Die Steuerbeamten haben für Montag einen zweitägigen Streik angekündigt, währen die Schülerlotsen in Nordgriechenland am Montag einen dreitägigen Streik beginnen.

Die Reaktion der Bevölkerung auf die Sparmaßnahmen wird sich voraussichtlich weiter verschärfen, da die EU-Kommission Druck ausübt, die gleichen Maßnahmen auch im privaten Sektor durchzusetzen. Man glaubt, eine solche Maßnahme könnte das Land an den Rand eines sozialen Aufstandes bringen.

Quelle Artikel 2:

In Athen kommt es nach Demonstrationen zu langen Auseinandersetzungen
05.03.10, von Taxipali

Aufstand in GriechenlandNach einer Protestdemostration gegen die Sparmaßnahmen brachen in Athen heute lange Auseinandersetzungen aus. Der Vorsitzende der Gewerkschaft GSEE wurde von Protestierenden geschlagen, während sich für drei Stunden in der gesamten Innenstadt Straßenschlachten mit der Polizei entwickelten, nachdem diese die Symbolgestalt des Antifaschistischen Widerstands, Manolis Glezos, angegriffen hatte.

Die Demonstration, zu der von ADEDY, dem Gewerkschaftsverband des öffentlichen Dienstes, und von GSEE, dem Gewerkschaftsverband der Privatwirtschaft, aufgerufen worden war, versammelte sich um 12:30 Uhr auf dem Syntagma-Platz, nachdem eine andere Demonstration mit 10 000 Teilnehmern des kommunistischen Gewerkschaftsverbands PAME beendet worden und zum Omonoia-Platz abgezogen war. Bald sammelten sich etwa 10 000 Menschen auf dem Syntagma-Platz, eine große Zahl, wenn man bedenkt, dass es sich nur um einen Ausstand von vier Stunden und nicht um einen wirklichen Streik handelt heute.

Alles war ruhig, bis der Vorsitzende der GSEE, Herr Panagopoulos, das Wort ergriff. Ehe er mehr als fünf Worte sagen konnte, wurde der verhaßte Gewerkschaftsboss von verschiedensten Protestierenden angegriffen, die zuerst Wasserflaschen und Joghurt nach ihm warfen und ihn dann wie ein Schwarm körperlich angriffen. Mit Schnitten, blauen Flecken und zerrissenen Kleidern erkämpfte sich der Lakai der PASOK seinen Weg hinter die Linien der Polizei, während die Leute wieder und wieder angriffen. Schließlich gelang es ihm, sich hinter der Präsidentengarde zu verstecken und die Stufen zum Parlament hoch zu entkommen, wo gerade die verhaßten Sparmaßnahmen abgestimmt wurden. Die Menge unten forderte ihn dazu auf, dahin zu gehen, wo er hin gehöre, ins Nest der Diebe, Mörder und Lügner.

Was die bürgerlichen Medien einen „Lynchangriff“ auf den höchsten Gewerkschaftsboss nannten, wurde Gegenstand einer Auseinandersetzung innerhalb des Parlaments, wobei die Regierung dem radikalen Linksbündnis vorwarf, die Angreifer stammten aus seinen Reihen (die GSEE beschuldigte KOE, eine maoistische Gruppe in diesem Bündnis), im besten Falle eine Halbwahrheit. Die Kommunistische Partei weigerte sich, den Angriff zu verurteilen, und erklärte nur, sie stimme nicht damit überein. Dies ist das erste Mal, dass ein so hochrangiger Gewerschaftsboss auf einer Demonstration angegriffen wird, zu der diese Gewerkschaft aufgerufen hat, und dieser Akt wird weithin für den Anfang einer neuen Ära der Gewerkschaftsgeschichte in Griechenland gehalten.

Schon bald nach dem Angriff auf Panagopoulos, begannen vor dem Parlament kleinere Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizei. Während eines dieser Vorfälle griffen die Polizisten Manolis Glezos an, den heldenhaften Antifaschisten, der während der deutschen Besatzung die Naziflagge von der Akropolis entfernte. Der ältere Herr wolte einem Mann helfen, der festgenommen werden sollte, und mußte mit einem Krankenwagen abtransportiert werden, nachdem ihm Tränengas ins Gesicht gesprüht worden war und er dadurch ernsthafte Lungenprobleme bekam. Er ist noch immer im Krankenhaus, und sein Zustand ist ernst.

Der Angriff auf GLezos gab das Signal für einen Angriff Tausender gegen die Polizei, wobei viele bei den Auseinandersetzungen verwundet wurden, bei denen zu Steinen und Stöcken gegriffen wurde, aber nicht zu Molotov-Cocktails. Während der Auseinandersetzungen wruden 5 Leute festgenommen, zwei davon auf Grundlage des Vermummungsverbots, die anderen wegen kleinerer Gesetzesverstöße. Während der Zusammenstöße wurden der Polizei viele Schilde und Helme abgenommen, die anschließend auf brennenden Barrikaden verbrannt wurden. Die Polizei spricht von sieben verletzten Polizisten, einige mit gebrochenen Knien und anderen Knochenbrüchen.

Durch den ausgedehnten Einsatz von Tränengas war die Luft auf dem Syntagma-Platz um 14 Uhr so unerträglich dass, unter der Parole „Die Polizisten sind nicht die Kinder der Arbeiter, sie sind die Hunde der Bosse“, die Kundgebung sich in einen Protestzug in Richtung auf das Arbeitsministerium verwandelte, einen halben Kilometer südlich des Omonoia-Platzes. Beim Erreichen von Propylea kam es zu weiteren Zusammenstößen mit der Polizei, wobei ein hochrangiger Polizeioffizier isoliert und von der Menge zusammengeschlagen wurde. Weiter auf dem Weg nach Omonoia, griffen die Protestierenden eine Polizeieinheit an, die den Nationalen Rechtsrat bewachte. Die Polizeieinheit wurde umzingelt und mit Stöcken, Steinen und Brandsätzen angegriffen, bis sie gezwungen war, sich ins Gebäude zurückzuziehen, nachdem eines ihrer Mitglieder von den Demonstranten gefangen und mißhandelt wurde.

Der Marsch zog bis Omonoia weiter und von dort die Peireaos-Straße hinunter, wo Banken, wirtschaftliche Ziele und teure Autos angegriffen wurden, ehe der Marsch das Ministerium erreichte und die Demonstranten versuchten, seine Türen aufzubrechen. Weitere Konflikte mit der Polizei folgten und der Zug wandte sich um und entschied, abermals zum Palament zu marschieren. Auf dem Weg kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. wobei viele Polizisten verwundet wurden, und mit Tränengas antworteten. Nachdem der Zug das Parlament erreicht hatte, löste er sich immer noch nicht auf und zog weite, bis er Propylea erreichte, wo er zum Ende kam. Nach dem Ende der Demonstration wurden weitere sechs Personenen festgenommen, während sie sich in die Zentrale der Sozialversicherung flüchteten, aber sie wurden ohne weitere Anklagen wieder freigelassen.

In Salonica rissen Demonstranten, als sie an die Tore des Ministeriums für Thrakien und Mazedonien kamen, den eisernen Zaun des Ministeriums nieder und drangen auf das Gelände vor, wo sie auf Bereitschaftspolizei trafen, die sich mit Tränengas gegen die Brandbarrikaden zur Wehr setzte.

Schließlich haben die Arbeiter der Staatsdruckerei die Gebäude besetzt und weigern sich, die Gesetze, die die Sparmaßnahmen in Kraft setzen, zu drucken. Ehe ein Gesetz dort gedruckt ist, tritt es nicht in Kraft. Währenddessen setzt sich die Besetzung der Finanzverwaltung durch die entlassenen Beschäftigten der Olympic Airways weiter fort. Die Arbeiter haben auch die Panepistimiou-Straße (die Hauptgeschäftsstraße Athens) auf der Höhe des Gebäudes dauerhaft gesperrt und zwingen den Verkehr in Seitenstraßen.

Für den 11.März rufen ADEDY und GSEE zum Generalstreik auf.

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Kongress des freien Handwerks

Gerade noch verhindert: der Sprung eines Gesellen in den Fischbrunnen.

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Der vom Berufsverband der unabhängigen Handwerkerinnen und Handwerker (BUH e.V.) geplante Gesellensprung zum Auftakt des zweitägigen Kongresses im Münchner EineWeltHaus fiel ins Wasser. Dabei hätte eine Taufe im Fischbrunnen durchaus auf dem Programm gestanden. BUH-Vorstand Jonas Kuckuk erklärt dazu: „Die vorgesehene Taufe von Gesellen, die sich um das unabhängige Handwerk verdient gemacht haben, wurde uns leider vom Kreisverwaltungsreferat untersagt.“ Allerdings so kurzfristig, dass man am Fischbrunnen habe Ordnungskräfte abstellen müssen, um anreisende Gesellen vom Bad abzuhalten, die diese Nachricht nicht mehr erreicht hatte.

„Wir lassen uns davon aber nicht beirren und werden unseren Kongress fortsetzen.“ Zum Abschluss des Kongress mit Workshops, Vorträgen und Diskussionen gibt es im EineWeltHaus in der Schwanthalerstr. 80 eine zweiteilige Diskussionsrunde. Um 17.30 beginnt Dr. Thomas Gambke, MdB und dort im Finanzausschuss für das Bündnis 90/Die Grünen. Ihm folgt um 19 Uhr der Unternehmensanalyst und MdB Klaus Breil (FDP). DIE LINKE wird vom Mitarbeiter der Linksfraktion, Uwe Hiksch, vertreten. Thema: „Chancen künftiger Berufsfreiheit im deutschen Handwerk“.

Der BUH e.V. setzt sich für Gewerbefreiheit im Handwerk ein und möchte für einheimische Handwerker die gleichen Möglichkeiten zur Existenzgründung schaffen, wie für die Kollegen aus anderen EU-Mitgliedsstaaten.

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Dekadent ist hier nur die Sklavenhaltergesinnung

"Haltet den Dieb" ruft Guido die Bauchrednerpuppe der Krisenverursacher

Unsere Regierungsparteien scheinen sich mittlerweile einig zu sein, wer für die katastrophalen Auswirkungen der Krise zur Verantwortung gezogen werden soll: die EmpfängerInnen von Sozialtransfers.

Der Sozialstaat, das ist in ihren Augen ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn die Haushaltskasse stimmt. Es gibt keine Arbeitsplätze, aber die Arbeitslosen wollten nicht arbeiten, so die infame Unterstellung. Auch das aus Hartz Zeiten von Clement befeuerte Mißbrauchsbashing wird wieder aufgewärmt. Dabei hat bereits 2001 die Caritas festgestellt, dass Verhältnis des Schadens von Sozialmissbrauch zu Steuerhinterziehung 1:530 beträgt.

Aber nicht um den Einzug hinterzogener Steuern sorgt sich die Republik sondern darum, ob 359 Euro ein bequemes Polster für die soziale Hängematte sind. Unterdessen bemüht sich das Bananen-Bundesland Hessen nach Kräften, keine Steuerhinterzieher ermitteln zu müssen. Diesbezügliche Fahndungserfolge hat man schon nach Erwerb der ersten Daten-CD erfolgreich hintertrieben. Zur Not wurde auch mal ein ganzes Steuerfahnderteam für verrückt erklärt und in Pension geschickt.

Wer sich nun darüber aufregt, sollte sich fragen, ob er nicht damals auch den Kopf von Ypsilanti gefordert hat. Das Eine gäbe es nicht ohne das Andere. Westerwelle macht nur den Clown und Vorturner einer Übung, auf die von Bild bis Zeit alle aufspringen, wie Wolfgang Lieb auf den NachdenkSeiten anschaulich belegt.

„Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes

Was wäre, wenn jemand versucht, dass Sozialstaatsgebot des GG zu beseitigen oder die Sozialbindung von Eigentum oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht? Wann wäre Widerstand zulässig und wer würde in Deutschland tatsächlich dieses Recht wahrnehmen und wann und wie? Dieses alles sind Fragen, die wir uns in absehbarer Zeit beantworten müssen.

Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
1. zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder
2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,
wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
§ 130 Absatz 1 des Strafgesetzbuch
Bislang wurde dieser Paragraph für neonazistische und rassistische Hetze in Anspruch genommen. Gilt er auch, wenn wissentlich falsche Informationen über bestimmte Bevölkerungsgruppen verbreitet werden, um diese verächtlich zu machen?
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Winter’s Bone

Regisseurin Debra Granik

Verpasst habe ich leider den Preisträger des Goldenen Bären, den türkischen Film Bal. Aber es ist schlicht unmöglich, alle Filme zu sehen. Sehr beeindruckend fand ich den Spielfilm „Winter’s Bone“ von Debra Granik. Erzählt wird darin eine Gangstergeschichte. Die siebzehnjährige Ree (kümmert sich allein um ihre beiden jüngeren Geschwister und die psychisch kranke Mutter. Letztere ist nicht mehr fähig Entscheidungen für die Familie zu treffen oder ihre älteste Tochter zu unterstützen.

Ungewöhlich ist für dieses Genre das Millieu. Im US Staat Missouri spielt die Geschichte. Inmitten von kleinen Farmen und einzelnen ärmlichen Gehöften. Die Armut der Menschen ist bedrückend und die Bilder erinnern an Fotografien von Walker Evans, dem großen Fotokünstler, der die Auswirkungen der großen Depression in den USA der 1930er Jahre dokumentiert hat. Die Unterschiede bestehen lediglich aus Autos, die hier und da noch vorhanden sind. Selbst das Pferd der Familie muss mangels Stroh in Pflege gegeben werden. Evans wurde übrigens auch in Missouri geboren.

"Winter's Bone" | © www.berlinale.de

Bereits die Kinder erlernen den Umgang mit Waffen, schon um sich etwas zum Essen erjagen zu können und sind es auch nur ein paar Grauhörnchen. Geschwister und Mutter ernähren sich von Kartoffeln und Fleisch gibt es nur, wenn die hilfsbereiten Nachbarn etwas von ihrer Jagdbeute vorbeibringen. Kleinkriminalität gehört hier zum Überleben dazu und löst keine größeren moralischen Beklemmungen aus.

Der Vater unserer Heldin ist erneut mit seinem Drogenlabor aufgeflogen. Er hat eine Kaution gestellt und hat sich anschließen aus dem Staub gemacht. Nun steht der Sheriff vor dem ärmlichen Haus und erzählt unserer Heldin, der Vater hätte für die Kaution Land und Haus verpfändet. Würde dieser nicht binnen einer Woche zur Gerichtsverhandlung erscheinen, müsse die Familie das Haus verlassen.

Es bleibt Ree also nichts anderes übrig, als die Spur ihres Vaters aufzunehmen. In ihrer Umgebung, beim Onkel und anderen Verwandten, die auch in kriminelle Geschäfte verwickelt sind, stoßen ihre Nachforschungen auf großen Unmut und sie erhält handfeste Drohungen und wird eingeschüchter, mit der Aufforderung, die Nase aus der Sache zu halten.

Debra Granik hat sehr genau beobachtet und recherchiert, ein Teil der Schauspieler entstammt den Verhältnissen des Films, so auch Lauren Sweetser, welche Gail, die beste Freundin von Ree, spielt. Sehr präzise wird die Romanvorlage von Daniel Woodrell nachgezeichnet. Auch komische Elemente gibt es in diesem beklemmenden Film, wenn in einer Schlüsselszene ein Amputat in einer „Have A Nice Day“ Tüte auf den Schreibtisch gelegt wird.

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Die Bibliothèque der Fantasie

Wie es der Zufall will, bin ich heute meinem Kinoerlebnis des Jahres begegnet. „Bibliothèque Pascal“ von Szabolcs Hajdu. Die Berlinale geht zu Ende und an den letzten Tagen werden die Lücken im persönlichen Tagesprogramm gefüllt. Ich habe mir vorgenommen, in den letzten zwei Tagen nur noch Filme des Internationalen Forums des Jungen Films zu sehen.

Bibliothèque Pascal | © www.berlinale.de

Zur Bibliothèque Pascal kam ich also eher zufällig und als ich im Arsenal saß, hatte ich nicht mehr im Kopf, als dass es um eine rumänische Mutter geht, die in England als Prostituierte arbeitet. Die Themen sind tatsächlich Menschenhandel, Adoption, Prostitution und Armut. Aber wie der Film diese Themen aufgreift ist auf wunderbare Weise fantastisch. Eine Mutter wird zum Jugendamt bestellt, da entschieden werden muss, ob sie ihr Kind behalten darf oder es zur Adoption freigegeben wird.

Der Beamte der Fürsorgebehörde fragt die Mutter, was die letzten drei Jahre passiert ist. Die Mutter fängt an eine Geschichte zu erzählen, die ich hier gar nicht wiedergeben möchte, da es die Leserin und den Leser um eines der größten Vergnügen bringen würde, sich hiervon nicht überraschen zu lassen. Es sei nur soviel verraten: Die bildreiche Erzählung sprengt an Farbe, Musik, visuellen Ideen, Dekoration und Licht alles, was ich in den letzten Jahren gesehen habe. Zusammengefügt wurden diese Elemente zu einer Bildkomposition überragender Qualität, dies und die Erzählung selbst brauchen einen Vergleich mit einem Frederico Fellini nicht zu scheuen. Weder in der Opulenz der Bilder noch in der Subtilität der Geschichte und in der Visualisierung des menschliche Gefühlskosmos.

Das Publikum empfing den Regisseur und seine Frau, die auch die Hauptdarstellerin ist mit heftigem Beifall. Für dieses wundervolle Werk wünsche ich mir baldestmöglich einen deutschen Verleih.

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Darstellerin: Orsolya Török-Illyés, Ehemann und Regie: Szabolcs Hajdu

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Nicht jeder Beitrag überzeugt

Mit dem heutigen Eintrag stellt sich die Frage, wie die zurückliegenden Filme gegliedert werden können, denn eine chronologische Verarbeitung ist nicht mehr angezeigt. Quasi in der Mitte der Berichterstattung angelangt soll hier nun die Filme besprochen werden, die nicht überzeugt haben.

Da wäre zunächst Im Schatten von Thomas Arslan zu nennen. Konzipiert als Genrefilm blieb der Versuch doch in seiner Klischeehaftigkeit stecken. Fotografie und Schnitt sind sauber ausgeführt doch allenthalben uninspiriert und zeigen in diesem Genre nichts Neues. Die Dialoge sind auch für beiläufige Bekannte des Gangstergenres als geradezu formelhafte Versatzstücke gängiger Mainstreamproduktionen erkennbar. Ein Dialogdrehbuch wie von einem 14jährigen. Die Geschichte des Überfalls auf einen Geldtransporter birgt auch sonst wenig Überraschungen. Einen interessanten Charakter zeichnet immerhin Karoline Eichhorn in der Rolle der Anwältin und Komplizin. Sehr gut gefiel mir das Sounddesign und besonders die Musik von Geir Jenssen, auch unter dem Pseudonym „Biosphere“ bekannt. Sie schafft mit minimalem Einsatz einen maximalen dramatischen Effekt. Was nun die Macher des Forums bewogen hat, diese mittelmäßige Fernsehproduktion in das Programm des Internationalen Forums des Jungen Films aufzunehmen wissen indes die Götter.

In Plein sud (Going South) von Sébastien Lifshitz, einer französischen Produktion, bleibt die Geschichte mehr als rätselhaft. Mit Presque Rien und Wild Side bereits bewiesen, dass er queere Geschichten auf die Leinwand zu bringen versteht. Plein sud handelt von einer Autofahrt in den Süden Frankreichs. Ein junger Mann, Sam, nimmt ein Geschwisterpaar per Autostopp mit. In Rückblenden erfahren wir, dass der junge Mann als Kind Zeuge wurde, wie sich sein Vater während eines Streits mit der Mutter im Auto erschießt. Nun schätzungsweise 15 Jahre später, ist der junge Mann sehr wortkarg. Das Geschwisterpaar besteht aus einem lebenslustigen Mädchen, das immer auf der Suche nach Abenteuern ist und ihrem schwulen Bruder, der sich mehr und mehr für den jungen Mann, den Fahrer verzehrt. Die Schwester sammelt unterwegs noch einen anderen jungen Burschen auf, den sie allmählich und sehr kalkuliert verführt.

Wir werden Zeuge ausgiebiger Sexszenen zunächst der Schwester und ihres Spielzeugs, dann ihres Bruders, dem es doch noch gelingt bei einer Lagerfeuerparty Sam zu erobern. Die Figur des Sam verströmt eine Aura des Drifters, dem alles mehr oder weniger egal ist. Er macht einen Zwischenhalt bei seinem Bruder und zeigt diesem die Waffe, mit den sich der Vater erschossen hat.

An einem Morgen am Strand verschwindet Sam mit dem Auto und besucht seine psychisch kranke Mutter. Aber er kann und will ihr nicht verzeihen (was?), reist wieder ab. Es scheint möglich, dass Sam sich mit der Pistole erschießt, er wirft am Ende die Waffe aber in den Fluss. Schwimmt im Meer und FIN. Nun ja, die Motive der Protagonisten großteils im Verborgenen und auch hier fällt mir wieder auf, wie wenig Mühe darauf verwendet wurde, den Zuschauer mit filmischen Mitteln mit auf eine Reise zu nehmen. Meine Dankbarkeit für den Verzicht auf lange Dialoge wird hier wie bei vielen anderen Filmen geschmälert durch das Unvermögen eine Bildsprache zu entwickeln, die einen adäquaten und besseren Ersatz bildet und die Geschichte erzählt und erschließt.

Mit ansehnlichem Marketingaufwand wurde das schwule Melodram Amphetamine aus Hongkong vom Regisseur Scud präsentiert. Im Anschluss an die Vorführung gab es eine Merchandise-Tasche plus Mousepad. Der Film selbst war eine eher unerträgliche PrettyWoman-Story, gleichgeschlechtlich. Junger, armer und Drogen konsumierender Schwimmlehrer lernt nach einer gescheiterten Hetero-Beziehung einen jungen Banker, Daniel, kennen. Der baggert ihn mit allerlei Aufwand an. Vom gelben Farrari, Bungeejumping von einer Brücke, Luxus-Penthouse mit Badewanne in der Wolken der Stadt reicht der dargebotenen Gockelschmuck.

Bei zwei Gelegenheiten erfahren wir auch, dass das Vermögen hart erarbeitet worden sei. Während im Hintergrund Lehman Brothers zusammenbrechen, bleibt Daniel der einzig erfolgreiche Broker und schon bald knallen in seiner Firma die Sektkorken, weil alles überstanden ist. Unsere beiden Jungs zeigen  bei allen Gelegenheiten ihre durchtrainierten, makellosen Körper. Sie sind sogar vollkommen nackt und in heißen Liebesszenen zu sehen. In Hongkong greift die chinesische Zensur noch nicht durch.

Selbst wenn ich hier Abzüge mache, weil die dortige Kinokultur wie die chinesische Kultur einfach anders ist und anzuerkennen ist, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung sehr offen gezeigt wird und innerhalb der Story das Umfeld der beiden kaum Probleme mit ihrem Schwulsein hat, war die Räuber und Prinz Variante über lange Strecken emotional verhalten, pathetisch und wirkte sehr konstruiert. Die Bildsprache war dekorativ und von Werbefilmästhetik geprägt, wobei durchaus schöne Bilder gefunden wurden. Ein zentrales Bild ist eine von  Michelangelo entlehnte Die-Erschaffung-Adams Unterwasser-Szene. Insgesamt war dieser Film mit über zwei Stunden einfach viel zu lang. Immerhin ein emanzipiertes Werk der Hongkong Filmindustrie. Kafka stürzt sich am Ende im Drogenwahn vom Penthouse.

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60. Berlinale geht zu Ende

Die meisten Journalisten haben das Festival schon verlassen und auch von den FilmemacherInnen lassen sich nur noch wenige bei den Vorführungen blicken. Die ersten Preise für die Berlinale Shorts sind schon vergeben. Es ist nun auch einfach möglich, vor den Vorstellungen noch Karten zu erhalten. Und dieser Blog ist hoffnungslos im Rückstand, was die Rezension der gesehen Filme betrifft.

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Herausragende Filme aus 40 Jahren Forum

Unter der Fülle der diesjährigen Filme finden sich gerade aus aktuellen Produktionen viele, die vom Autor zwar gesehen, wegen ihres erschreckend niedrigen Niveaus aber nicht rezensiert werden. Besonders spürbar wird dies, wenn wir dazu im Vergleich die Filme der Retrospektive sehen. Sozusagen das Beste aus 60 Jahren Berliner Filmfestival.

Noch augenfälliger wird das Ganze, wenn wir uns die Rückschau des Internationalen Forums des Jungen Films ansehen. Immerhin auf 40 Jahre engagiertes Programm wird hier zurückgeblickt. Aus diesem Anlass haben Filmemacher des Forums aus dem Archiv ihre Hitliste zusammengestellt. Um den künstlerisch und politischen unabhängigen Film aus allen Teilen der Welt ging es dort und die wieder gezeigten Filme sind von erfrischenden Lebendigkeit, eindrücklicher und eindringlicher Wucht sowie künstlerischer Vielfalt in Konzeption und Realisation.

"So Is This" von Michael Snow

So Is This | © www.berlinale.de

Ein Experimentalfilm wie „So Is This“ von Michael Snow aus dem Jahr 1982 funktioniert noch immer. Es wird eine Geschichte buchstäblich oder besser wort-wörtlich erzählt. Auf der Leinwand ist immer nur ein Wort eines Textes zu sehen. Dauer, Größe und Farbe der Einblendungen bestimmen die Dramaturgie der Erzählung. Die Vorführung wird zu einem gemeinschaftlichen Leseerlebnis, der Film spielt sich dabei im Kopf ab. Erfolgreich, es gibt „Ahs“ und „Ohhs“ sowie viel Gelächter unter den Zuschauern.

Sehr schön war auch das Wiedersehen von „Kasaba“ von Nuri Bilge Ceylan. Eine Familie in einer türkische Kleinstadt wird darin in ruhigen Schwarzweiß-Bildern porträtiert. Ausgewählt hatte diesen Film der Regisseur Jia Zhangke, der mit diesem Film auf der Berlinale 1998 entdeckte, dass die Bildsprache eine internationale ist und er die Darstellung von Gefühl und Atmosphäre sofort verstanden hat, auch ohne die gesprochene Sprache zu verstehen.

Mich und meine Kinogruppe hat vor allem die Bill-Douglas-Trilogie (übrigens alle drei in UK für ca. 8 Pfund auf DVD erhältlich) beeindruckt. Laiendarsteller aus einem schottischen Bergarbeiterdorf spielen die Kindheits- und Jugendgeschichte des Regisseurs. Hier wird spürbar, dass Armut nicht nur einen Mangel essentiellen Gütern bedeutet sondern prekarisierte Menschen auch mit emotionaler Kälte auf ihre feindliche Umwelt reagieren. So lange sind diese Zeiten bitterer Armut nicht vergangen und wer weiß schon, wohin die Regression des Kapitalimus noch führen wird. Die trostlose Ausweglosigkeit wird von präzisen Einstellungen und Schnitten geradezu chirurgisch eingefangen. Für den Erhalt einer stabilen Psyche empfiehlt sich, alle drei Teile zu sehen, denn die Erlösung aus der Depression kommt erst am Ende des dritten Teils.

Daniel Schmid - Le Chat qui pense | © www.berlinale.de

Ein sehr schöner Dokumentarfilm ist „Daniel Schmid – Le Chat qui pense“. Schmid einer der bekanntesten international arbeitenden schweizer Filmemacher steht im Zentrum dieses Films. Das Universum der Filmkunst Schmids hier zu umreißen, ist die Zeit zu knapp. Lange Jahre der intensiven Arbeit mit Fassbinder und der Caven. Die ist auch bei der Premiere anwesend und sichtlich ergriffen. Sie spricht davon, wie wenig wagemutig und risikobewußt zeitgenössische Filmemacher sind. Sie haben damals ohne Geld und Unterstützung Filme gemacht. Um dies zu erreichen hätten Sie Monster sein müssen.

Ingrid Carven bei der Premiere des Dokumentarfilms "Daniel Schmid - Le chat qui pense"

Ingrid Caven ist ergriffen

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Sharon Lockhart und die Gezeiten

Die Muschelsammlerin in der Frühe und am Abend: Double Tide

"Double Tide" von Sharon Lockhart

Notorisch ist wie immer die Flut der Bilder und der Zwang, dieser im Blog Herr zu werden. Aus der Fülle der Filme wieder nur ein ganz kurzer Hinweis. „Double Tide“ hieß das 90 Minuten Feature der Filmkünstlerin Sharon Lockhart. Eigentümlicherweise ist im Katalog der Filmausschnitt spiegelverkehrt abgebildet oder an einem anderen Ort fotografiert. Im letzten Jahr noch mit einer zeitlich extrem gedehnten Version einer Frühstückspause auf einer Schiffswerft in Maine vertreten, ging es diesem Werk wieder um schwere körperliche Arbeit jedoch inmitten der Natur.

Gezeigt wird eine Einstellung mit zwei 45 Minuten langen Takes: einmal in der Morgendämmerung und einmal in der Abenddämmerung.  Jedesmal ist gerade Ebbe und das Meer zieht sich aus der kleine Bucht zurück. Eine Frau zieht mit einem flachen Boot über die schlammige Bucht. Die im Schlick versinkenden Gummistuplen machen fette saugende und schmatzende Geräusche. Die Frau hat einen Korb neben sich und greift mit einer Hand tief in den Schlamm, um Muscheln herauszuziehen. Die Kamera ist fixiert, es gibt keine Zooms oder Verfolgungen.

Das Licht änder sich beständig, gibt mal Bäume in der Bucht frei, wenn sich der Nebel am Morgen verzieht oder wandelt sich in Abendrot. Die Muschelsammlerin verrichtet dabei ihr Werk ohne Unterbrechung. Das es sich dabei um Schwerstarbeit handelt, erzählt nach dem Film Jen Cassad eine durchtrainierte Künstlerkollegin der Regisseurin Sheron Lockhart.

Es ist diesmal eine sehr ruhige meditatives Szenario, welches manchen Kinogast flugs in den Schlaf führt oder aus dem Saal treibt. Ob sich der von Lockhart beabsichtigte Effekt, körperliche Arbeit spürbar zu machen, tatsächlich in erhoffter Weise umsetzt, ist aber doch fraglich. Die kleine Figur, die sich wie eine Spinne im Morast über die Leinwand bewegt ruft in mir Assoziationen zu PacMan hervor. Der tiefe Schlamm vermittelt allerdings ein Gefühl für die Anstrengungen, die solche Bewegung hervorruft.

Für den Einstieg sei nochmal das ausgezeichnete Werk Lunch Break empfohlen. Bedauerlich ist auch der Qualitätsverlust, der durch die Digitalisierung des 35mm Filmmaterials eintritt.

Jen Cassad & Sheron Lockhart

Jen Cassad & Sheron Lockhart

Veröffentlicht unter Berlinale 2010 | Hinterlasse einen Kommentar