Nicht jeder Beitrag überzeugt

Mit dem heutigen Eintrag stellt sich die Frage, wie die zurückliegenden Filme gegliedert werden können, denn eine chronologische Verarbeitung ist nicht mehr angezeigt. Quasi in der Mitte der Berichterstattung angelangt soll hier nun die Filme besprochen werden, die nicht überzeugt haben.

Da wäre zunächst Im Schatten von Thomas Arslan zu nennen. Konzipiert als Genrefilm blieb der Versuch doch in seiner Klischeehaftigkeit stecken. Fotografie und Schnitt sind sauber ausgeführt doch allenthalben uninspiriert und zeigen in diesem Genre nichts Neues. Die Dialoge sind auch für beiläufige Bekannte des Gangstergenres als geradezu formelhafte Versatzstücke gängiger Mainstreamproduktionen erkennbar. Ein Dialogdrehbuch wie von einem 14jährigen. Die Geschichte des Überfalls auf einen Geldtransporter birgt auch sonst wenig Überraschungen. Einen interessanten Charakter zeichnet immerhin Karoline Eichhorn in der Rolle der Anwältin und Komplizin. Sehr gut gefiel mir das Sounddesign und besonders die Musik von Geir Jenssen, auch unter dem Pseudonym „Biosphere“ bekannt. Sie schafft mit minimalem Einsatz einen maximalen dramatischen Effekt. Was nun die Macher des Forums bewogen hat, diese mittelmäßige Fernsehproduktion in das Programm des Internationalen Forums des Jungen Films aufzunehmen wissen indes die Götter.

In Plein sud (Going South) von Sébastien Lifshitz, einer französischen Produktion, bleibt die Geschichte mehr als rätselhaft. Mit Presque Rien und Wild Side bereits bewiesen, dass er queere Geschichten auf die Leinwand zu bringen versteht. Plein sud handelt von einer Autofahrt in den Süden Frankreichs. Ein junger Mann, Sam, nimmt ein Geschwisterpaar per Autostopp mit. In Rückblenden erfahren wir, dass der junge Mann als Kind Zeuge wurde, wie sich sein Vater während eines Streits mit der Mutter im Auto erschießt. Nun schätzungsweise 15 Jahre später, ist der junge Mann sehr wortkarg. Das Geschwisterpaar besteht aus einem lebenslustigen Mädchen, das immer auf der Suche nach Abenteuern ist und ihrem schwulen Bruder, der sich mehr und mehr für den jungen Mann, den Fahrer verzehrt. Die Schwester sammelt unterwegs noch einen anderen jungen Burschen auf, den sie allmählich und sehr kalkuliert verführt.

Wir werden Zeuge ausgiebiger Sexszenen zunächst der Schwester und ihres Spielzeugs, dann ihres Bruders, dem es doch noch gelingt bei einer Lagerfeuerparty Sam zu erobern. Die Figur des Sam verströmt eine Aura des Drifters, dem alles mehr oder weniger egal ist. Er macht einen Zwischenhalt bei seinem Bruder und zeigt diesem die Waffe, mit den sich der Vater erschossen hat.

An einem Morgen am Strand verschwindet Sam mit dem Auto und besucht seine psychisch kranke Mutter. Aber er kann und will ihr nicht verzeihen (was?), reist wieder ab. Es scheint möglich, dass Sam sich mit der Pistole erschießt, er wirft am Ende die Waffe aber in den Fluss. Schwimmt im Meer und FIN. Nun ja, die Motive der Protagonisten großteils im Verborgenen und auch hier fällt mir wieder auf, wie wenig Mühe darauf verwendet wurde, den Zuschauer mit filmischen Mitteln mit auf eine Reise zu nehmen. Meine Dankbarkeit für den Verzicht auf lange Dialoge wird hier wie bei vielen anderen Filmen geschmälert durch das Unvermögen eine Bildsprache zu entwickeln, die einen adäquaten und besseren Ersatz bildet und die Geschichte erzählt und erschließt.

Mit ansehnlichem Marketingaufwand wurde das schwule Melodram Amphetamine aus Hongkong vom Regisseur Scud präsentiert. Im Anschluss an die Vorführung gab es eine Merchandise-Tasche plus Mousepad. Der Film selbst war eine eher unerträgliche PrettyWoman-Story, gleichgeschlechtlich. Junger, armer und Drogen konsumierender Schwimmlehrer lernt nach einer gescheiterten Hetero-Beziehung einen jungen Banker, Daniel, kennen. Der baggert ihn mit allerlei Aufwand an. Vom gelben Farrari, Bungeejumping von einer Brücke, Luxus-Penthouse mit Badewanne in der Wolken der Stadt reicht der dargebotenen Gockelschmuck.

Bei zwei Gelegenheiten erfahren wir auch, dass das Vermögen hart erarbeitet worden sei. Während im Hintergrund Lehman Brothers zusammenbrechen, bleibt Daniel der einzig erfolgreiche Broker und schon bald knallen in seiner Firma die Sektkorken, weil alles überstanden ist. Unsere beiden Jungs zeigen  bei allen Gelegenheiten ihre durchtrainierten, makellosen Körper. Sie sind sogar vollkommen nackt und in heißen Liebesszenen zu sehen. In Hongkong greift die chinesische Zensur noch nicht durch.

Selbst wenn ich hier Abzüge mache, weil die dortige Kinokultur wie die chinesische Kultur einfach anders ist und anzuerkennen ist, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung sehr offen gezeigt wird und innerhalb der Story das Umfeld der beiden kaum Probleme mit ihrem Schwulsein hat, war die Räuber und Prinz Variante über lange Strecken emotional verhalten, pathetisch und wirkte sehr konstruiert. Die Bildsprache war dekorativ und von Werbefilmästhetik geprägt, wobei durchaus schöne Bilder gefunden wurden. Ein zentrales Bild ist eine von  Michelangelo entlehnte Die-Erschaffung-Adams Unterwasser-Szene. Insgesamt war dieser Film mit über zwei Stunden einfach viel zu lang. Immerhin ein emanzipiertes Werk der Hongkong Filmindustrie. Kafka stürzt sich am Ende im Drogenwahn vom Penthouse.

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