Wunderland Nordrhein-Westfalen

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Bevor ich anfange, mich über die Qualitäten der Personenbeförderung mittels Bahn auszulassen, zunächst eine kleine Kuriosität am Rande meiner Wochenendtagung. Mein Weg führte mich also ins Ferne Nordrhein-Westfalen. Fern nicht allein, weil ich derzeit in Oberbayern, genauer der Landeshauptstadt München lebe, sondern mein Weg mich bislang von Göttingen lediglich längere Zeit nach Berlin verschlagen hat. Verwandschaft in Hamburg und Frankfurt führte mich in Kindheitstagen auch in andere Regionen, aber NRW ist und bleibt für mich Terra incognita. Entsprechend aufregend finde ich Ausflüge dorthin, zumal mir auch der dortige Menschenschlag ein besonderer zu sein scheint.

Bewusst wurde mir das ausgerechnet im Karwendel Gebirge in Österreich. Dort saß ich des Abends erschöpft mit zwei Freundinnen aus Berlin in der Stube der Lamsenjochhütte. Wir hatten einen eher gemütlichen Aufstieg hinter uns und saß beim wohlverdienten Bier gemütlich in einer Ecke. Ich erregte mit allerlei Akrobatik die Aufmerksamkeit der anderen Wandergruppe, denn es war Wahlabend. Mobilfunkempfang gab es keinen, aber ein paar Radiowellen reichten doch bis hier hinauf. Und tatsächlich knarrzte aus dem Ohrhöre bald die erste Prognose, während wir eifrig lauschten, die Hochrechungen auf einem Wirtsblock notierten, blieben die anderen Gäste ungerührt. Lediglich einer fragte mal nach der ersten Hochrechnung nach. Sicher hatte von denen niemand vor der Wandertour Briefwahl gemacht.

Das politische Spektrum meiner Wandergruppe war klar auf Politikwechsel geeicht: DIE LINKE, SPD und GRÜNE. Wir hatten übrigens Mühe unsere sozialdemokratische Freundin über den Schock hinwegzutrösten. Nun ja, ich gestehe, mich auch über Steinmeier im Verlauf gehörig lustig gemacht zu haben. Jedenfalls fand sich auf unserer Wanderschaft nur ein Pärchen, welches eine ähnliche Leidenschaft für den aktuellen Wahlgang aufbrachte. Es war selbstverständlich ein Paar aus NRW. Beide im Verwaltungsdienst tätig, Sozialdemokraten von Geburt und außerdem Aktivisten des Deutschen Alpenvereins und Extremwanderer. Jedenfalls für meine Maßstäbe.

Wieder stand ich staunend vor einem Exemplar NRW Eingeborenen, der allerlei vermeintlich Widersprüchliches mühelos in sich vereinigt. Eine Mitgliedschaft in einem konservativen, der Heimatpflege und dem Naturschutz zugetanen Verein, gepaart mit Sozi-Überzeugung, Leistungssport und einer Vorliebe fürs Rauchen. Wie selbstverständlich fieberten auch sie dem Wahlergebnis entgegen. Immerhin verabschiedeten sie sich später mit der Überzeugung, dass SPD und LINKE sicher bald ineinander aufgehen würden. Da war ich platt. Sowas wird in der LINKEN nur den schlimmsten innerparteilichen Gegner als Wunschtraum unterstellt und auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Für mich als gebürtigen Niedersachsen, Berliner Wirtschaftsflüchtling und gegenwärtigen Wahlbayern sind das Ruhgebiet oder der Kohlenpott und seine Menschen eine undurchschaubare Gegend. Eine Landschaft ohne erkennbare geografische Orientierungspunkte, durchzogen von einem Gewirr von Straßen, von denen Gott allein weiß, wohin sie führen. Obwohl ich für mich in Anspruch nehmen kann, einmal mit dem Auto von München nach Velbert ohne Navi gefunden zu haben, kam ich auf dem Rückweg doch schwer vom Weg ab. Nicht zuletzt, weil ich den Ehrgeiz besaß, en passant noch einen Freund in Köln auf einen Café besuchen zu wollen.

Jedenfalls entschied ich mich – mittlerweile auch nicht mehr im Besitz eines Automobils – per Bahn zu reisen. Das war für die Hinreise auch eine gute Wahl, brachte mich reibungslos und termingerecht an mein Ziel: das Tagungshaus Neues Alter in Hattingen. Dort hat man Anfang der 80er Jahre, unter dem Eindruck der Schließung des örtlichen Stahlwerks (die Hütte ist heute ein Museum) und damit der drastischen Freisetzung von schlussendlich 11.000 Beschäftigten seit den 60er Jahren zwei Tagungshäuser gebaut.

Für den Seniorenteil war der Verein Neues Alter verantwortlich. Ein Zusammenschluß munterer SeniorInnen, die beweisen wollten, dass es ein Leben nach der Hütte gibt. Und nebenan wurde gleich noch eine Jugendbildungsstätte erreichtet, mit schätzungsweise dreifacher Bettenzahl. Damals ahnte man wohl noch nicht, wie sich die Kopfzahlen der Generationen verändern würden. Es würde mich also nicht wundern, wenn dereinst die beiden Nachbarhäuser ihre Bestimmung und Zielgruppe tauschen würden.

Da ich nun etwas überpünktlich zur Vorbesprechung gereist war, verblieb mir etwas Zeit, die ich – von langer Bahn und Busfahrt gebeugt – zu einem Spaziergang an diesem ungewöhnlich milden Herbstnachmittag genutzt habe. Die Ruhr ist ja mittlerweile nicht mehr diese schleimige Industriebrühe, als die ich sie mir immer vorgestellt habe. Industrieller Rückbau hat eben auch Vorteile und Umweltschutzauflagen sowieso. Das Flüsschen Ruhr schlängelt sich also unten durchs Tal, während sich auf dem Bruch die Tagungshäuser befinden, eingerahmt von einem Waldstreifen, den die Anwohner gern zu Spaziergängen nutzen.

Doch das herbstliche Idylle trog! Nach wenigen Meter stieß ich auf das oben abgebildete Schild: „Achtung Flutwelle im Regenfall Lebensgefahr ! Der Bürgermeister“ Im Ernstfall wäre ein Mensch allerdings beim Versuch, den Inhalt des Warnschilds zu entschlüsseln, sicher von der sich unbarmherzig bahnbrechenden Flutwelle davongespült worden. Der lebensrettende Hinweis war moosüberwachsen und kaum zu entziffern. Aber was weiß ich schon, vielleicht hatte sich ja die Flutwellenbedrohung zwischenzeitlich reduziert.

Nach einem anstrengenden, aber auch amüsanten und spannenden Tagungswochenende ging es dann an die Rückreise. Wieder mit Bus und Bahn. Der Busfahrer war auch gleich zum Scherzen aufgelegt und er nahm meinen 10er und die Frage, ob er akzeptiert würde, mit der Bemerkung entgegen: „Klar, wollen Sie noch was raus haben?“

Als ich in Hattingen Mitte in die S-Bahn eintrat, stand ich gleich inmitten eines Trupps munterer Seniorinnen, die mir meine Frage, ob der denn nach Essen Hauptbahnhof ginge, gleich freundlichst bejaten. Ich saß dann zwei Reihen hinter ihnen und wurde Zeuge eines Gesprächs, wie man es in München in dieser Besetzung keinesfalls in einer S-Bahn hören würde.

Wortführerin der fünf reifen Damen, war eine mit wild auftoupierten, fuchsroten Haar, aber auch ihre Freudinnen geizten nicht mit Schick, wenn er auch schon etwas in die Jahre gekommen war. Das Thema war ernst. Es wurde erörtert, ob der Freitod des Torhüters von Hannover 96 eigentlich als Sünde zu betrachten sei.

Ob des heiklen Thema herrschte zunächst Unsicherheit. Umstände hin oder her, Selbstmord sei einfach per se eine Sünde, da können man machen was man wolle. Immerhin, meinte die Toupierte, müsse anerkannt werden, dass dazu eine anständige Portion Mut gehöre Mut, sich sowas anzutun. Sie könne das Verstehen, meinte die Graumellierte mit kunstvoll geschwungenen Uta Ranke-Heinemann Locken. Als sie damals diese Anzeige erhalten habe, hätte sie kurz vor dem Freitod gestanden. Dass sei überhaupt kein Spass gewesen und sie habe drei Jahre gebraucht, sich davon zu erholen. Leider wurde meine Neugier in Bezug auf das Delikt nicht befriedigt.

Das mit der Sünde käme doch nur, weil sie katholisch erzogen seien, dabei wäre es doch eigentlich eine Zumutung, wenn Pfarrer über Sünde urteilen würden und privat ihre unehelichen Kinder versorgten. Ja, dass sei nicht zu verstehen. Eine der Freundinnen hatte wohl ihr Kindheit in einem katholischen Fürsorgeheim verbracht und wußte zu berichten, das Mädchen bei Verweigerung einer bestimmten Speise am Ende gezwungen wurden, ihr Erbrochenes zu essen. Sie kenne über solche und ähnliche Fälle eine Menge bewegender, authentischer Tatsachenberichte, die sie gern zum Verleih anbiete und welche die Zweiflerinnen sicher überzeugen würden.

Das Gespräch schwenkte dann zu zwei Freundinnen, die ihre Söhne verloren hätten und was ein grausames Schicksal denn dies wäre. Einer hatte Sozialhilfe bezogen, soviel habe ich noch mitbekommen. Sodann wendeten die Damen sich heiteren Themen zu und die Kupferfarbene berichtete von einer Busfahrt zum Schloß Köpenick. Sie habe dort den Ausstieg aus der Straßenbahn verpasst, so sei sie ins Gespräch mit ihrer Freundin vertieft gewesen. Potzblitz, dachte ich, sollte es in diesem wunderbaren Landstrich noch ein zweites Köpenick geben? Aber Schloß Köpenik entpuppte sich dann doch als Ziel einer günstigen Seniorenreise. Mehr war nicht zu erfahren, denn wir hatten den Hauptbahnhof von Essen erreicht.

Über den Essener Hauptbahnhof weiß ich nur gar nichts Gutes zu berichten, denn er ist eigentlich eine Baustelle mit einem verwirrenden Labyrinth aus Schotterwegen und kahlen Betontreppen, Baugittern sowie einem Leitsystem, welches den schwer bepackten Reisenden auf sportliche Runden um die Baustelle führt. Wohl dem, der ausreichend Zeit bis zu seinem Anschlusszug hat. Hatte ich und suchte sogar noch die etwas abseits gelegene Hamburgerbraterei einer bekannten Kette auf. Dort wurde mir von einem jungen, vermutlich griechisch-stämmigen Mitarbeiter eine derart freundliche und zuvorkommende Behandlung zuteil, dass ich baff war. Auch so eine Erfahrung mit NRW.

Auf dem Weg nach Köln verirrte ich mich mal in einer Siedlung und musste zwecks Orientierung parken. Beim Ausparken hatte ich wohl die Stoßstange meines Hintermannes berührt. Was dieser prompt mit einem Besuch an meinem Wagenfenster quittierte. Aber nicht etwa, um mich mit einer Pumpgun niederzustrecken oder eine Flut unflätiger Beleidigungen über den Fahrer zu ergießen, sondern um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei und er mir helfen können. Die Berührung sei nicht so wild gewesen.

Also auch in diesem Hamburger-Imbiß ein überraschend herzlicher Mensch, wenn auch das Schild mit dem Hinweis, man möge zum Besuch einer Toilette das Bahnhofsgebäude aufsuchen, echte Panik bei Notdürftigen auszulösen imstande wäre.

stillcap0017.jpgAuf meinen Runden irgendwo auf und unter der Bahnhofsbaustelle habe ich mir sicher die Erkältung zugezogen. Die Mysterien des Bahn-Tarifsystems zwangen mich dann abends um 20 Uhr in Nürnberg meinen Zug nach München zu verlassen, um 20 Minuten später einen anderen Zug nach München zu besteigen. Interessant war am Nürnberger Hauptbahnhof die Geräuschkulisse. Leider hatte ich kein Aufzeichnungsgerät bei mir. Auf nahezu allen Bahnsteigen erklärte immer wieder eine warme und samtige Frauenstimme, dass der jeweilige Zug mit Verspätung eintreffen werden. Das Ganze mischte sich zu einem vielstimmigen Konzert, aus dem die immergleichen Wortfetzen spitz hindurchdrangen.

Natürlich kam ich mit über 30 Minuten Verspätung in München an, aber wer wollte an diese 30 Minuten weitere 30 anhängen, um am Info-Desk einen Gutschein rauszuhandeln.

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