Meinungsfreiheit war mal

22. August 2009 | Von Mario | Kategorie: Leitartikel
Danny Lambert von der Socialist Party in der Speaker's Corner, Hide Park, London

Solche harten Auftritte auf dem Feld der freien Meinungsäußerung können sich nur noch Senioren leisten.

Meinungsfreiheit. Sie ist es, die wie ein Banner überall vorangeschickt wird. Erst kommt die Forderung nach Meinungsfreiheit und dann die humanitäre Intervention. Zum medialen Einläuten von kriegerischen Handlungen war sie schon immer sehr probat, wenn sich nichts weiter anbot. Geglaubt haben kritische Menschen dies nie, aber musste es uns nun gleich so heftig ins Sommerloch hineinpoltern?

Jedes vierte Unternehmen recherchiert im Internet Informationen über Bewerber.  Die gewonnenen Informationen sorgen dann dafür, dass ein Viertel der Bewerber gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Man solle vorsichtig sein mit persönlichen Daten, die man ins Netz stellt, meinen die Verbraucherschützer, die die Untersuchung in Auftrag gegeben haben.  Und unser ministerieller Baron verliert auch keine Sekunde, um in das gleiche Horn zu tuten. Glücklich die Chinesen, die mit Bewerbungen keine Probleme haben, denn sie können ja keine kritischen Äußerungen ins Netz stellen.

Natürlich wird von Seiten der Politik nicht die Forderung erhoben, solcher Schnüffelarbeit der Personalleiter einen gesetzlichen Riegel vorzuschieben. Warum auch, solange das kapitalistisch Prinzip gewahrt bleibt, dass eben diejenigen ihre Meinung äußern, ja sogar verbreiten können, die es sich leisten können. Sie besitzen selbst die Medien oder soviel Geld, dass es ihnen egal sein kann. Was hat der Pöbel auch seine Meinung über das Internet zu verbreiten. Selbst Schuld, sollen sie doch sehen, wenn sie so blöd sind. Schließlich machen wir extra tolles Unterschicht Fernsehen, da muss das doch nun wirklich nicht mehr sein. Über wichtige Dinge sollen sich mal andere Leute Gedanken machen.

Es ist dann eher eine Geschmacksfrage, ob der Chef bestimmte freizügige Fotos im Netz interessant findet oder nicht. Bei politischen Äußerungen braucht man solche Überlegungen nicht anstellen, woher sollte die Sympathie wohl kommen. Diese Land besaß einmal eine Kultur des kritischen Geistes, von der kaum mehr etwas zu finden ist. Schleimer und Duckmäuser auf allen Kanälen. Sie trauen sich aber noch kritische Reportagen über diese verabscheuungswürdigen Menschen zu machen, die Hartz IV missbrauchen und es sich in der sozialen Hängematte bequem machen. Dabei sollte jeder öffentlich sichtbare Hartz Bezieher ein Prämie erhalten, schließlich muss doch den unterbezahlten und ausgepressten Mitarbeitern im Einzelhandel hin und wieder jemand an der Kasse begegnen, der ihnen zeigt, wo die Reise endet, wenn sie allzu renitent werden.

Hartz IV ist das vorzüglichste Instrument der Einschüchterung und Unterdrückung, welches nach dem Krieg vom Kapitalismus erfunden wurde. Nichts hat starke Belegschaften nachhaltiger diszipliniert, wie die Aussicht auf ein Leben zwischen Tafel und Kleiderkammer in Jahresfrist. Beschleunigt natürlich durch eine breit angelegte Kampagne zur Arbeitszeitverlängerung, damit nur ja immer genügend arbeitswilliges Prekariat vor den Werkstoren lagert. Viel zu viele haben sich den Unsinn einreden lassen, dies alles würde Arbeitsplätze schaffen. Hätten sie gewusst, dass sich die entstehenden Arbeitsplätze immer mehr den Charakter der Leibeigenschaft annehmen, manche hätten ihr Kreuz bei der Wahl an einer anderen Stelle gemacht.

Bleibt noch die Frage, wann wir alle am täglich servierten seichten Medienbrei ersticken oder ob doch noch vorher ein Fernsehsender besetzt wird? Das wäre zumindest eine echte Programmsensation.

Ein Kommentar
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  1. Und laut einem Bericht der taz nötigt RWE seine Lehrlinge, an einer Demonstration pro Atomstrom teilzunehmen. Besser hätte es eine Jugendbrigade in einem DDR Betrieb auch nicht gekonnt.
    Quelle: http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/rwe-laesst-demonstrieren/?type=98

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